Diese prinzipielle Einfachheit sagt aber noch nichts über den Erfolg und die Bedeutung eines
Produktes im Markt. Dass da Geistesblitze und eventuell auch Zufälle im Spiel sind, die im Vorfeld
der Marktreife liegen, kann der Benutzer eines erprobten Produktes nur ahnen.
Das Erfolgsgeheimnis der Post-it Haftnotizen steckt zu einem guten Teil in der besonderen, in
ihrer Form einzigartigen Haft-Schicht. Sie hat eine eigene Geschichte.
Am Anfang stand ein Flop
Vor mehr als 20 Jahren beschäftigte sich der 3M Wissenschaftler Dr. Spencer Silver im
Zentrallabor der Company in St. Paul, Minnesota, USA, mit der Entwicklung eines besonderen
Klebstoffes. Seine Klebkraft sollte die aller übrigen Klebstoffe von 3M in den Schatten stellen und
auf fast allen Materialien anwendbar sein.
Die Versuche führten dann jedoch zu einem gänzlich anderen Ergebnis, nämlich einer Masse, die
zwar überall haftete, sich aber auch ganz leicht wieder abnehmen ließ, anstatt sich nahezu unlösbar
mit dem Untergrund zu verbinden. Eine praktische Anwendung hatte man für dieses Material zunächst
nicht. Aber gemäß der 3M Philosophie, dass eine Technologie allen Unternehmensbereichen zur
Verfügung steht, machte man die Entdeckung bei den übrigen Wissenschaftlern bekannt.
Anfänglich nutze man diesen neu entwickelten Klebstoff, um ein Memoboard ohne die üblichen
Pins zu kreieren. Da sich dieses Produkt aber nicht auf dem Markt durchsetzte, verlor man das
Interesse an der Erfindung von Spencer Silver. Der spätere innovative Impuls ging von einem ganz
anderen Wissenschaftler aus, der mit Klebstofftechnologien eigentlich gar nichts zu tun hatte. Der
Zufall wollte es, dass die Idee ausgerechnet während eines Gottesdienstes in einer
presbyterianischen Gemeinde im Norden von St. Paul geboren wurde.
„Geistesblitz“ oder Eingebung
Arthur Fry – in seiner Freizeit ein begeisterter Sänger im Kirchenchor seiner Gemeinde -
hatte sich während eines Chorals zum wiederholten Male über die Unvollkommenheit seiner
Einsatzzeichen geärgert. Er legte stets kleine Papierschnipsel in sein Notenbuch, um die Einsätze
der einzelnen Stimmen leichter zu finden. Doch anstatt an der gewünschten Stelle auf den
entsprechenden Zeitpunkt hinzuweisen, fielen die Zettelchen immer wieder zwischen den Seiten
heraus. Eine wirkungsvolle Befestigung mit Büroklammern, Nadeln oder Klebestreifen verbot
sich, sie hätten die Seiten beim Entfernen beschädigt. Außerdem ließen sie sich nicht problemlos
auf den Partiturseiten versetzen, falls die Einsätze je nach Stimme einmal wechselten. Dem Chemiker
Fry fiel in einem solchen Moment des Ärgers das unglückliche Experiment seines Kollegen Silver
wieder ein.
Ins Labor zurückgekehrt, besorgte er sich Proben des Klebstoffs, schnitt kleine Zettel
zurecht und trug ein wenig von der Masse auf. Am nächsten Sonntag erprobte er sie auf der
Orgelbühne und siehe da - sie hafteten zuverlässig, ließen sich
aber dennoch ganz leicht lösen, ohne die Notenblätter zu beschädigen. Silvers Kleber war
natürlich alles andere als perfekt. So blieben geringe Klebstoffreste auf dem Papier zurück - doch
die Grundidee war geboren.
Vom Lesezeichen zum Kommunikationsmittel
A. Fry sandte Muster seiner „Erfindung“ an alle Verantwortlichen im Unternehmen, fest davon
überzeugt, eine neue Art „Lesezeichen“ erfunden zu haben. Die 3Mer benutzten die Zettel jedoch, um
damit ihren Kollegen kurze Nachrichten ans Telefon, auf Briefe und Unterlagen zu heften und
forderten ständig Nachschub bei A. Fry an. Erst zu diesem Zeitpunkt entwickelte sich bei ihm die
Idee, dass er gar keine Lesezeichen, sondern ein Kommunikationsmittel entwickelt hatte.
Um zu demonstrieren, dass es möglich ist, Klebstoff auf Papierrollen aufzutragen und danach
zu Blöcken zu verarbeiten, baute er den Prototyp einer Herstellungsanlage bei sich zu Hause.
Nachdem sich das Unternehmen entschlossen hatte diese Erfindung in seine Produktpalette
aufzunehmen, musste die Kellerwand von Fry´s Haus niedergerissen werden, um diese Maschine in sein
3M Labor bringen zu können. Beim Testen des neuen Produktes auf lokalen Märkten fand man heraus,
dass der Verbraucher erst durch die praktische Erprobung von dem Produkt überzeugt wurde. Diese
Erkenntnis veranlasste den Geschäftsbereich, dass im sogenannten „Boise Blitz“ die Stadt Boise in
Idaho mit Vertretern überflutet wurde, um das Produkt in Banken, Büros, Läden vorzuführen und zu
verteilen.
Durch diese Strategie erreichte man den gewünschten Erfolg, so dass Anfnag der 80er Jahre die
Post-it Haftnotizen in allen Staaten der USA auf den Markt gebracht wurden.
Heute gehören sie nicht nur in den USA zur Standardausrüstung nahezu jeden Schreibtisches,
und auch im Haushalt werden sie zur Übermittlung von Kurzinformationen eingesetzt. Sie zählen sogar
zur Gruppe der fünf erfolgreichsten und am häufigsten verwendeten Büroprodukte.
In der Bundesrepublik sind die ursprünglich „gelben Zettel“ seit 1981 im Markt. Sie haben
sich in den zahlreichen zur Verfügung stehenden Formaten, Farben und Gebrauchsformen zu überaus
beliebten, weil praktischen Helfern in nahezu allen Bereichen von Handel, Industrie, Gewerbe und
Haushalt entwickelt. Keine Arztpraxis, kaum eine Anwaltskanzlei oder Werbeagentur, in der man ihnen
nicht begegnet. Sie werden als unbedruckte Notizzettel, als Organisationsmittel, als bedruckte
Formulare und mit wachsendem Erfolg sogar als Werbemittel vermarktet. Als Planungsinstrument für
Seminare, Meetings oder Besprechungen werden sie ebenfalls erfolgreich eingesetzt.
3M und Post-it sind Marken der 3M Company.